Die Wandlungsphase Wasser und ihre Bedeutung im Feng Shui

Die Wandlungsphase Wasser und ihre Bedeutung im Feng Shui

 

Wasser ist eins der zentralen Elemente – nicht nur im Feng Shui. Dies ergibt sich auch aus dem Yi Jing – dem Buch der Wandlungen -, anhand dessen der Verfasser die Qualität, Bedeutung und Tiefgründigkeit beschreibt.

Die Wandlungsphase Wasser


Das Wasser wird als die erste der fünf Wandlungsphasen beschrieben. Alles was flüssiger Natur ist oder von oben nach unten fließt, wird der Wandlungsphase Wasser zugeordnet. Es hat die Fähigkeit, sich zu teilen und sich wieder von sich aus zu verbinden.

Das Wasser ist dem Feuer in seinen Eigenschaften diametral entgegengesetzt: Während das Feuer eine zerstreuende Wirkung hat, verfügt das Wasser über eine sammelnde vereinende Wirkung. Es repräsentiert daher auch die Konzentration von Dingen.

Während alle anderen Wandlungsphasen eine Form haben, hat das Wasser (genauso wie das Feuer) keine bestimmte Form und ist daher hoch flexibel und hoch individuell.

Weil das Wasser von Natur aus durchsichtig ist, symbolisiert es Rationalität und Klarsicht. Trotz des Gegensatzes zwischen Feuer und Wasser ist das Wasser dem Feuer sehr zugetan, denn ohne das Feuer würde keine Wärme erzeugt werden, sodass das Wasser seine ursprüngliche Natur, nämlich zu fließen und durchsichtig zu sein, verlieren würde, und daher erblinden und erstarren würde.

Wenn das Wasser gereizt wird, gerät es in Bewegung, wird wütend und erreicht eine ungeheure Kraft. Das Yang-Wasser ist das zusammenfließende Wasser im Regen, in den Flüssen und das gesammelte Wasser in den Ozeanen.

Das Yin-Wasser ist das verdunstende Wasser, die Feuchtigkeit im Nebel und in den Wolken und in der Erde und die Flüssigkeit in den Pflanzen. Das Wasser befindet sich daher sowohl auf der Erde als auch im Himmel. Es kann sich ständig verändern und ist daher auch der Ausdruck von Wandlung an sich.

Während die Erde der starre Masseaspekt ist, ist das Wasser der bewegte Masseaspekt. Weil das Wasser keine feste Form hat, steht es als Völlezustand zwischen der Gestalt und dem Qi. Das Wasser ist das Symbol für Unüberwindlichkeit, wenn es aber für sich allein belassen ist, stürzt es in sich zusammen und wird zu Eis.

Es vereinigt Yin und Yang in sich, weil es sowohl weich als auch hart sein kann und zwischen diesen beiden Zuständen wechseln kann.

Die Beschreibung im Yi Jing

Im Yi Jing „Buch der Wandlungen“ ist das Wasser eine wesentliche Grundlage und wird vom Trigramm Kan repräsentiert. Es ist daher Bestandteil der Trigramm-Anordnungen des frühen und späten Himmels.

Die Verdoppelung des Trigramms ergibt das 29. Hexagramm, das wie folgt beschrieben wird:

„Die Bewegung des Wassers geht von oben nach unten. Das Wasser stammt von der Erde, befindet sich aber am Himmel, daher ist seine Tendenz, nach unten zurückzukehren.“1

Zum Abbild des Wassers heißt es:

„Das Wasser ist dauernd in seinem Fließen; so ist der Edle dauernd in seiner Tugend wie der feste Strich inmitten des Abgrunds. Und wie das Wasser immer weiter fließt, so benützt er die Übung und Wiederholung beim Geschäft des Lehrens.“2

Der bedeutende Naturforscher Song Yingxing (1587-1661) berichtet in seinem Werk Lun Qi „Abhandlung über das Qi“ zum Wasser:

„Was zwischen dem Himmel und der Erde keine Gestalt hat [und unsichtbar ist], das ist das Qi, und das, was kein Qi ist, das hat eine Gestalt [und ist sichtbar].

Das, was eine Mischung zwischen Gestalt und Qi ist, sind Wasser und Feuer.”3

Denn „es gibt Formen, die nicht fest sind und es gibt Qi, das nicht versteckt [unsichtbar] ist. Hierbei handelt es sich um Wasser und Feuer.

Das Trigramm Kan [des Yijing] ist das Wasser und steht für den Mann. Es ordnet die Wege und Pfade an, pflügt und jätet auf den Feldern und Deichen. Hochgestellt, überwacht er [das Land], niedrig gebückt bearbeitet [er das Feld].

Dies [geschieht] vor den Augen und Ohren der Menschen. Das Trigramm Li steht für das Feuer und ist das Weibliche. [Ihr] korrekter Sitz ist im Palast [im Hause], wo sie sich in einem Zimmer des ‚Nordwestflügel des Hauses’ befindet. Wenn sie einen Menschen erblickt, dann entzieht sie sich [ihm]. Dies sind die Gemüter von Wasser und Feuer.

Die beiden [Erscheinungen Feuer und Wasser] liegen zwischen der Gestalt und dem Qi. Wenn man davon ausgehen würde, es handele sich bei ihnen um Qi, dann haben sie aber eine Gestalt, [und sind somit sichtbar, was das Qi nicht ist].

Sollte man sie [umgekehrt] für eine Gestalt halten, dann [muss man wiederum einwenden, dass] sie tatsächlich auch Qi sind, [weil ihre Gestalt nicht fest, sondern flüchtig ist]. Denn [Wasser und Feuer] und das Qi wandeln sich gegenseitig, [rasend schnell innerhalb des kurzen Zeitraums] eines Shana [buddhistischer Begriff für die kürzest mögliche Zeiteinheit] von der ‚Mutter [zum] Kinde’, vom Sein zum Nichtsein und wieder umgekehrt.“4

„Während sich die Wandlung von Feuer und Qi in einer stagnierenden Form vollzieht, ist die Wandlung von Wasser und Qi sehr frequent. Dies stimmt mit den Inhalten des ‚großen Yang und großen Yin’ und den "Dimensionen" des kreisenden Himmels überein.”5

„Wasser und Feuer sind nicht in der Lage, direkt aufeinander zu treffen, was nur dann geschieht, [wenn] der Mensch ihre Kräfte für sich selbst nutzt. Doch obwohl sie nicht direkt aufeinander treffen können, haben sie aneinander im Sinn, so wie in der [menschlichen] Realität auch miteinander verheiratete Eheleute aneinander denken, oder die Mutter ihr Kind beobachtet.“6

„Das Wasser ist in der hiesigen Welt das, was die Dinge anfeuchtet. Es hat zeitweise eine stehende, zeitweise eine fließende Oberfläche. In seinem leeren Inneren hat es ein Gespür für das Feuer.

Die Feuchtigkeit der Dinge wird von der Hitze angeleitet, welche bewirkt, dass das stehende als auch das fließende Wasser in den Gewässern nicht erstarrt. Wenn die Erdoberfläche von regnerischem Wetter heimgesucht und vom Wind weggetragen wird und das Qi des Feuers in großem Abstand über dem Feuer liegt, dann sind die Umstände des Wassers diese, da es nicht mehr alleine bestehen kann und seine Form gefriert.

Dieses Wasser erleidet dann einen Erschöpfungsanfall.“7 „Während das Feuer schnell[-lebig und bewegt] ist, ist das Wasser langsam. Während das Wasser zur Verdichtung [und zum Stillstand neigt] ist das Feuer verstreuend.

Schnell[-lebiges] und Streuendes [sind Dinge, die] sich als erste ausrichten, Verdichtendes und Langsames [sind Dinge, die] folgen.“8 "Da die Substanz des Wassers hohl und klar ist, schauen die Fische und Drachen herauf und sehen die Sternbilder in ihrer Gesamtheit, [obwohl] sie sich in den ‚Abgründen des Wassers’ aufhalten.“9

„Wenn sich ‚die beiden Qi’ (erqi) [der Kategorien Yin und Yang] unter [der Erdoberfläche] ansammeln, dann bilden sie Wasser, wenn sie sich darüber ansammeln, dann bilden sie den Wind. Unterhalb [der Erdoberfläche] gibt es Kavernen, zu denen das Wasser zurückkehrt.

Die kleinen [Kavernen], sind so groß wie Weingläser, die mittleren sind so groß wie Töpfe und die großen Kavernen sind so groß wie ein Becken. Die oberflächig [gelegenen Kavernen] kann man abmessen und schätzen, die tiefer gelegenen kann man sich [nur] vorstellen. [Diese Kavernen reichen in eine] Tiefe von hundert ren.“10

Die Beurteilung des Wassers im Feng Shui

Ein Grundsatz im Feng Shui lautet, dass sich das Wasser in der Landschaft so bewegt, wie das Qi in der Erde, deshalb ist die Beurteilung der Berge und Ebenen unmittelbar mit der Analyse der Wasserläufe in der Landschaft verknüpft.

Das Ansammeln und Anhalten von Wasser ist auch ein Ansammeln und Anhalten des „belebenden Qis“ (shengqi), und wo Wasser vorhanden ist, gibt es prinzipiell auch „belebendes Qi“. Das Bo Shan Pian („Schrift über die Weite der Berge“): bestätigt diese Auffassung:

„In allen Fällen, wenn man einen Berg beurteilen will, fragt man nach den Wasserläufen, wenn man sich zum Berg begibt. Der Ort, an dem das Wasser ankommt, bewirkt den Drachen. Wenn [sich] das Wasser erschöpft, dann erschöpft [sich] auch der Drache.“11

Aus diesem Grund sprach man auch von den Flüssen als „Wasserdrachen“ (shuilong), eine Vorstellung woraus sich eine spezialisierte Literatur entwickelt, wie zum Beispiel das Shuilong Jing („Klassiker der Wasserdrachen“).

Diese Werk bezeichnet die kleinen Flüsse als die Körper der erdzweigigen Drachen und die großen Flüsse die der himmelsstämmigen Drachen. Weil das Wasser in der Regel nach einer Seite des Bergs hin im Gefälle fließt und sich bewegt, ist es die Messlatte für den Neigungsgrad eines Bergs. Kennt man also die Quelle des Wassers und folgt seinem Verlauf, versteht man auch die Entwicklung der „Pulsbewegung des Drachen“ und erkennt, wohin diese Pulsbewegung einmündet.

Aus diesem Grund wird das Wasser auch als das Blut der Erde bezeichnet.12 Das Wasser hat in der Welt des Feng Shui eine enge Verbindung zum „Vital-Qi” in der Erde, wie auch der Naturforscher Song Yinxing es bestätigt:

Das „überflutende Qi“ (chongqi) der Dinge verhält sich wie aufgewühltes Wasser. Das Qi und das Wasser sind zwei Dinge, die sich gleichartig leicht bewegen.13 Deshalb gilt auch, dass dort wo Wasser ist, auch belebendes Qi ist.14

Es muss schon sehr früh in der chinesischen Geistesgeschichte die Vorstellung einer sich ergänzenden Partnerschaft zwischen Bergen und Wasser gegeben haben, denn viele Muster aus dem Feng Shui spiegeln diese Vorstellung wider. Die Begrifflichkeit Wind-Wasser (fengshui) zeigt bereits die wichtige Rolle des Wassers in der Landschaft. Es gilt einerseits das „Wasser zu erhalten“ und andererseit den Wind zu vermeiden, was hier als „Speicherung des Windes“ (zangfeng) bezeicnet wird. Jedoch stellt das Zang Shu („Buch der Gräber“) fest:

„Im Feng Shui ist der Erhalt des Wassers der Speicherung des Winds vorrangig.“15 Das zeigt, dass in einer Umgebung mit einem guten Feng Shui unbedingt wichtig ist, dass die Funktion des Wassers nicht abbricht oder irgendeinen Schaden nimmt. Das Wasser ist auf der einen Seite eine Spiegelung des Klimas, auf der anderen Seite beeinflusst es auch maßgeblich die Beschaffenheit der Erde.

Doch am wichtigsten ist seine erzeugende Wirkung in der Erde und in der Landschaft, sodass Vegetation wächst und in der kultivierten Ausformung ihres Wachstums Landwirtschaft betrieben werden kann, die zum Wohlstand der Menschen führt.

Bei der Besiedelung einer Landschaft wurde zunächst immer auf die Sicherstellung einer Bewässerung des Siedlungsraums und die Vermeidung von Überschwemmungen geachtet. Das Wasser war die Erzeugung schlechthin und bedeutete somit auch Leben an sich, weshalb sein Fluss niemals abbrechen durfte.16

Bei der Beurteilung des Wassers sprach man von den „fünf Städten des Wassers“ (wu shui cheng). Eine Wasserstadt ist ein Siedlungsraum, dessen Muster durch das ankommende und abfließende Wasser geprägt ist:

Metall-Stadt: Das Wasser umschließt die Stadt in gekrümmter Form.
Wasser-Stadt: Das Wasser ist in der Unklarheit gebogen und krumm.
Holz-Stadt: Das Wasser ist ein scharfer, gerader, steiler Fluss.
Feuer-Stadt: Das Wasser ist gekrümmt und zerrissen und trifft schnell aufeinander und vermengt sich gegenseitig.
Erd-Stadt: Das Wasser fließt leicht quadratisch oder im gleichmäßigen Kreis.

Unter den fünf Städten des Wassers bieten die Metall- und die Wasserstadt dem Menschen durch ihren insgesamt untereinander verbundenen (homogenen) Umlauf das größte Wohlbefinden, weshalb sie in der Literatur auch als die „Erde des gehobenen Werts“ genannt werden, die anderen Muster sind eher unglücklich.17

Die Ein- und Austrittspunkte des Wassers nehmen bei der Beurteilung des Wasserdrachen einen hohen Stellenwert ein. Es existieren präzise Vorstellungen darüber, wie eine solche „Wasseröffnung“ (shuikou) gestaltet sein sollte:

„Nichtangepasstheit bedeutet Geradlinigkeit, die sich wie ein Pfeil oder ein Verschluss gestaltet. Die Öffnung des Auswegs und der Verschluss sind unzertrennlich miteinander verbunden. Es ist dabei am meisten zu fürchten, dass [das Wasser] geradlinig entweicht, ohne dass man es erhalten könnte.“18

Die Wasseröffnung ist bei der Beurteilung des Wassers derart wichtig, dass man stets zuerst das Wasser beurteilt, wenn man einen Berg betritt. Der Begriff „Wasser-Öffnung“ umfasst sowohl den Eintrittspunkt des Wassers in die Landschaft als auch den Austrittspunkt des Wassers aus einer Landschaft. Das Ru Di Yan Tu Shuo („Der Eintritt in das Erdauge an Grafiken erklärt“) berichtet dazu:

„Der Ort, an dem das Wasser ankommt, nennt man das Himmelstor. … Der Ort, an dem das Wasser entweicht, nennt man ‚das Erdtor‘.“19 Weil das Wasser den Reichtum symbolisiert, ist die hauptsächliche Funktion einer Wasseröffnung die Ansammlung von Reichtum, weil eine ordentlich funktionierende Landwirtschaft auf einer moderaten und klugen Bewässerung der Felder beruht. Wenn sich nun die Tür öffnet, sodass sich das Wasser in der richtigen Menge ergießen kann, kommt mit dem Wasser auch der Reichtum zu den Menschen.

Dr. Mafrend Kubny
Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. phil. Manfred Kubny, Sinologe und Spezialist für traditionelle chinesische Wissenschaften.

Lange Aufenthalte in China und Taiwan, Ausbildung in Taiji Quan und Bazi Suanming. Leiter der Internationalen Akademie für traditionelle chinesische Astrologie, www.iatca.de.

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