Evolution und Tradition der Chen Familie
Evolution und Tradition der Chen Familie
Geschrieben von: Herr Dietmar Stubenbaum
Chen Peishan
20. Generation der Chen Familie lernte seit seiner Kindheit Taijiquan von seinem Vater Chen Lixian und dessen Schwester Chen Liqing. Seit 1988 lebt er in Tokyo und ist dort als Ingenieur tätig. Er ist Chairman der Japan Chen Family Taijiquan Association und arbeitet an einer weltweiten Organisation die den kleinen Rahmen der Öffentlichkeit zugänglich machen soll.
Dietmar Stubenbaum Ausbildungsleiter vom Lehrinstitut "Die Pagode" mit Sitz in Friedrichshafen lernte sein Taijiquan Dajia und Xiaojia von Tu Tzongren und Großmeister Du Yuzhi in Taiwan. Seit jüngerer Zeit ist er Schüler von Chen Peishan. Chen Peishan informiert über die wichtigen Merkmale im traditionellen Taijiquan : Basierend auf den Überlieferungen meiner Familie und persönlicher Forschung können wir das traditionelle Taijiquan wie folgend beschrieben unterteilen.
Die drei essentiellen Grundlagen (San Yao Su) werden untergliedert in :
1. Körperbewegung (Ti Yuan Dong)
2. Kampfübung (Dui Lian)
3. Theorie (Li Lun) und geistigem Sinn (Si Xiang)
Die Körperbewegung, basierend auf dem harmonischen Zusammenspiel
von Gedankenvorstellung (Yi), dem Fluß feinstofflicher Essenz (Qi) und der
körperlichen Gestalt (Xing) lehrt uns :
Leere das Herz (Xin = mentales Herz) und lasse die Gedanken frei werden,
so daß sich der Bauch (Dantian) mit Qi füllen kann und die körperliche
Gestalt entsteht.
Xing (die körperliche Gestalt / Form) wird in fünf innere und fünf äußere
Bewegungen unterteilt.
Im Chen Taijiquan des Xiaojia (kleiner Rahmen) benutzen wir unsere erste
Form (Yilu) um alle Bewegungen körpermechanischer und feinstofflicher
Natur bis in die höchsten Stufen zu erlernen.
In der ersten Stufe des Lernprozesses studiert man die Bewegungen der
Form, die Grundlagen wie Kreisen, Rundheit, Fülle, Entspannen, Sinken,
Sitzen und nicht überstrecken der Gelenke in Position und Bewegung.
In der zweiten Stufe wird das feinmechanische Zusammenspiel der
Gelenke, Muskeln und Bänder geübt. Die Konzepte den Fluß feinstofflicher
Essenz (Qi) zu integrieren (Neijing/Neiqi) werden gelernt. Ab jetzt fließen
die schiebenden Hände (Tuishou) mit ein.
Das Fajing (freisetzen innerer Kraft durch explosionsartiges Ausstoßen
z.Bsp. durch einen Faustschlag) wird nicht gelehrt so lange die zweite Stufe
nicht gemeistert wurde.
Versteht der Körper noch nicht wirklich "Song" (Tiefenentspannung / damit
ist kein Erschlaffen des Körpers sondern ein Beibehalten der Körperstruktur
/ Bogen Spannkraft gemeint), so können beim Ausstoßen der inneren Kraft
körperliche Schäden entstehen.
Wird die zweite Stufe beherrscht gehen wir über zur dritten Stufe, hier wird
unsere erste Form (Yilu) zur Fajing Taolu. Dieses Stadium beinhaltet ein
willkürliches Verändern des Bewegungstempos und das Freisetzen von
innerer Kraft in jeder Position.
Die vierte Stufe läßt die Spiral- und Kreisbewegungen immer kleiner und
subtiler werden.
In der fünften und letzten Stufe wird das Taijiquan vollständig formlos.
Alles wird zu Taijiquan : Sitzen, Stehen, Gehen, Liegen, etc.
Man ist selber zu Taiji geworden.
Die Kampfübungen beinhalten Tuishou (schiebende Hände) in vielfältigen,
komplexen Arten und Formen sowie den freien Kampf (Sanshou).
zu 3. Theorie (Li Lun) und geistigem Sinn (Si Xiang)
Beide basieren auf den Kenntnissen von Yin und Yang, den Philosophien
des Daoismus, Konfuzianismus und anderen, sowie den Theorien der
Traditionellen Chinesischen Medizin.
Von meinem Vater habe ich gelernt, daß soziale Konflikte und Probleme mit
der Theorie des Taiji verstanden und oft sogar gelöst werden können.
Chen Peishan vergleicht traditionelles und modernes Taijiquan
Traditionelles Taijiquan oder die traditionellen Kampfkünste allgemein
können Ihre Kunst heute nur selten öffentlich demonstrieren.
Die meisten Veranstaltungen und Wettkämpfe werden nur in den modernen
Taijiquan-Formen geführt. Meistens erfahren nur diese Formen eine
Förderung der chinesischen Regierung.
Hier liegt wahrscheinlich der Grund, warum außerhalb von China Taijiquan
meistens nur mit den modernen Standardformen assoziiert wird.
Beim Üben dieser bekannten modernen Standardformen wird meistens
eine rein äußerliche "Kür" einstudiert. Das Ziel liegt darin, für eine gute
Vorführung Wettkampfpunkte zu erhalten. Die eigentliche Bedeutung des
Taijiquan geht dabei gänzlich verloren !
Interessiert man sich ausschließlich für das Kämpfen, kann man sportliches
Boxen erlernen. Lernt man Taiji nur in der äußeren Form für den
Wettkampf, besteht kein Unterschied zu einer rein gymnastischen,
athletischen Übung wie beim Sport.
Die traditionellen Konzepte des Taijiquan müssen systematisch dem
Schüler gelehrt werden. Er muß die umfassende Komplexität des Taiji
wirklich verstehen lernen.
Taiji in seinem Ganzen ist wie wir wissen weit mehr als nur ein einstudierter
Tanz.
Taiji ist eine Kampfkunst, Wissenschaft und Philosophie für das Leben.
Aus den Chroniken der Chen Familie
Chen Pu (Bo)
Als Begründer der ursprünglichen Kampfmethode des Chen Clans gilt
Chen Pu (Bo), gebürtig aus der Präfektur Zezhou in der Provinz Shanxi
(heute Jincheng).
Von Zezhou übersiedelte Chen Pu in den Kreis Hongdon den er 1372
wieder verließ um sich in der Provinz Henan in einem kleinen Dorf ungefähr
dreißig Kilometer südöstlich von Huaiqing niederzulassen.
Chen Pu´s Großmütigkeit und umfassenden Kenntnisse in den
Kampfkünsten brachten ihm bei den Dorfbewohnern hohen Respekt.
Sie nannten ihr Dorf fortan Chen Pu Xiang.
Nach der Liberalisierung (1949) gehörte das Dorf zum Kreis Wen.
Bis zum heutigen Tage trägt es den gleichen Namen.
Wegen häufiger Überschwemmungen übersiedelte Chen Pu nach
Changyan zehn Kilometer östlich der Stadt Wen.
Das Gebirge Qingfeng war nicht weit entfernt und diente Räubern und
Wegelagerern als sicheres Versteck von wo aus sie ihre Beutezüge
antraten.
Die Bevölkerung von Changyan wurde oft überfallen und es war schwer der
täglichen Feldarbeit für den notwendigen Lebensunterhalt nachzugehen.
Chen Pu eröffnete eine Kampfkunstschule um der jüngeren Bevölkerung
den Faustkampf und den Umgang mit Waffen zu lehren. Sein Ziel war das
Hab und Gut des Dorfes besser schützen zu können.
Die meisten Bewohner des Dorfes trugen den Familiennamen Chen und da
ein Graben von Norden nach Süden durch das Dorf lief wurde sein Namen
geändert, von Changyan in "Chenjiagou" (Jia=Familie, Gou=Graben).
Chen Wangting (ca. 1600-1680)
mit anderem Namen Zouting stammte aus der neunten Generation der
Chen Familie. Er lebte am Ende der Ming - und Anfang der Qing Dynastie.
Schon als Kind übte er sich hart in den Kampfkünsten seiner Vorfahren. Er
war ein gebildeter Mann, bewandert in der Kalligraphie und galt als Adept
der Feder und des Schwerts.
In der Familienchronik von 1754 (wurde 1822 ergänzt) wird folgendes
berichtet :
Chen Wangting bestand die Prüfung im zivilrechtlichen Dienst am Ende der
Ming - und das Militärexamen am Anfang der Qing Dynastie.
Er war ein Experte der Kampfkunst, Begründer der Chen Säbel und Speer
Formen und erlangte Berühmtheit in Shandong durch seine vielen
erfolgreichen Kämpfe gegen Banditen.
Im Ruhestand nutze er seine Zeit zum Studieren der klassischen Texte und
übte sich in der Kampfkunst.
Wangting gilt als Gründer des Taijiquan der Chen Familie.
Er nahm zur Formgebung dieser Kampfkunst seine Kenntnisse im
Faustkampf und den Kriegskünsten, die Prinzipien des Yin und Yang aus
dem Klassiker Yijing, die Theorie der Leitbahnen aus der chinesischen
Medizin und Daoyin (Qigong).
Chen Youheng und Youben waren Brüder
aus der vierzehnten Generation der gleichen Mutter und Söhne von dem
berühmten Chen Gongzhao.
Chen Youheng bestand die Prüfung im zivilrechtlichen Dienst vermutlich
zwischen 1820 und 1830. Er war sehr bewandert im Taijiquan und verstarb
im besten Alter durch Ertrinken in einem See mit dem Namen Dongting.
Sein jüngerer Bruder Youben war besonders kunstvoll im Taijiquan und
stand für Bescheidenheit und gute Manieren. Die beiden Brüder waren die
führenden Taiji Experten ihrer Zeit.
Chen Changxing (1771-1853)
aus der vierzehnten Generation auch Yunting genannt lernte von seinem
Vater Chen Bingwang.
Er gilt als Verfasser der zehn besonderen Merkmale des Taijiquan, einer
Abhandlung über den Faustkampf und Schlüsselpunkte zur Anwendbarkeit
der Form.
Arbeitend im Sicherheitsdienst (Leibwächter / Transportschutz) in
Shandong war Changxing auch Lehrer an einer Faustkampfschule im Haus
von Chen Dehu wo auch Yang Luchan sein Taijiquan gelernt haben soll.
Chen Gengyun
aus der fünfzehnten Generation mit anderem Namen Xiachun war der
leibliche Sohn von Chen Changxing.
Genyun lernte von seinem Vater und bekam zusätzlich Taijiquan Unterricht
von Chen Youben.
Wie viele seiner Vorfahren sollte auch Gengyun als Sicherheitsbeauftragter
in der Provinz Shandong arbeiten. Um sein Taijiquan möglichst schnell bis
zum Antritt der Tätigkeit zu verbessern entwickelte Youben für ihn ein
spezielles Trainingsset.
Gengyun erlangte Berühmtheit in Shandong aufgrund der erfolgreichen
Bekämpfung der Banditen die dort ihr Unwesen trieben.
Chen Xin (1849-1929)
aus der sechzehnten Generation mit zweiten Namen Pinsan war der dritte
Sohn und fünftes Kind von Chen Zhongshen. Er lernte Taijiquan seit
frühster Kindheit mit seinem Vater und studierte später ausgiebig die
Literatur.
Er ist Autor von :
Chen Shi Taijiquan Tushou (Kompendium über Taijiquan in vier Bänden)
Chen Shi Jia Sheng (Familienchronik)
San San Liu Quan Pu (336 Faustkampfhandbuch) und anderen Werken.
An diesen Manuskripten schrieb er zwölf Jahre lang um erstmals eine
ausführliche Beschreibung über das Taijiquan der Chen Familie zu geben.
Kinderlos und in Sorge, seine Schriften könnten verlorengehen übergab er
seine Werke an den Sohn seines Bruders Chen Chunyuan mit der
Aufforderung, falls er keinen würdigen Nachfolger für diese Schriften findet,
möge er sie lieber verbrennen damit sie nicht in falsche Hände geraten.
Chen Shi Taijiquan Tushou wurde 1933 das erste mal in Kaifeng publiziert.
Abschriften des San San Liu Quan Pu die sich in Händen von Chen Lixian
und Chen Kezhong befanden sind während der Kriegswirren verloren
gegangen.
Ein Kommentar von Chen Peishan zur Familienchronik
In der Chen Familie existierten viele Faustkampf und Waffenmethoden zur
Zeit von Chen Wangting.
Von meinem Vater und den älteren Mitgliedern meiner Familie hörte ich
unterschiedliche Meinungen darüber wie viele Formen tatsächlich
existierten. Ob nun exakt, wie so oft behauptet sieben Faustkampfformen
bestanden kann ich nicht bestätigen.
Es gibt keine Aufzeichnungen die nachweisen können, daß Chen
Changxing die Faustkampfformen von Chen Wangting neu arrangierte und
zu den heute in Chenjiagou praktizierten Formen Yilu und Erlu
(Kanonenfaust) formte.
Die Behauptung das Chen Youben einen neuen Stil (Xinjia) gründete ist
ebenfalls durch historische Dokumente der Chen Familie oder frühen
mündlichen Überlieferungen nicht belegbar.
Ein Autor jüngerer Zeit hat vielmehr eine falsche Behauptung aufgestellt,
die seither in vielen Büchern (chinesischer und westlicher Sprachen) ohne
kritische Betrachtung übernommen wurde.
Das heutige Dajia und Xiaojia der Chen Familie sollte als ebenbürtige
Entwicklung angesehen werden, aus der die uns bekannten Taiji
Stilarten Zhaobao, Yang, Wu, Wu (Hao) und Sun direkt oder indirekt
hervorgegangen sind.
Lao (alter), Da (großer), Xiao (kleiner) und Xin (neuer) Rahmen
und Erläuterungen zur Vielfalt der Stilspezifischen Bezeichnungen im
Chen Taijiquan
Einige der ersten gedruckten Publikationen der Chen Familie stammten aus
der Feder von Chen Xin (Chenshi Taijiquan Tushuo) und Chen Jifu
(Chenshi Taijiquan Ru Men Zongjie) und bezeichnen die in Bild und Text
beschriebene Form als "Taijiquan der Chen Familie in 13 Sektionen".
Aus dieser Tatsache leitet sich ab, daß zu Lebzeiten der Autoren die
heutigen Stil - Umschreibungen Lao (alt), Da (groß), Xiao (klein) und Xin
(neu) nicht bekannt waren.
Die heutige Dajia Linie (großer Rahmen) beinhaltet eine ursprüngliche alte
(Laojia) und neue (Xinjia) Form. Man geht davon aus, daß die Xinjia Form
von Chen Fake entwickelt wurde. Die Dajia Linie genießt mit ihren vielen
Vertretern große Popularität und wird von Chen Xiaowang als
Familienoberhaupt der 19. Generation repräsentiert.
Die Xiaojia Linie (kleiner Rahmen) kommt aus den Überlieferungen von
Chen Wangting, Chen Youben und Chen Xin.
Deren Nachfahren sind durch die Familie Chen Lixian vertreten von Chen
Peishan, Peilin und Peiju. Der Familienvater Chen Lixian ist verstorben.
Seine noch lebende Schwester Liqing ist die erste Frau die offiziell im Chen
Familienstammbaum als Faustkämpferin erscheint.
Weitere Xiaojia Vertreter sind die Familien von Chen Boxian (1989
verstorben) und Chen Boxiang.
Zhaobao :
Chen Qingping aus der 15. Generation lernte von Chen Youben und
heiratete in das Dorf Zhaobao. In diesem Dorf hatte er viele Schüler und
das Taijiquan dort erhielt den Namen des Dorfes "Zhaobao Taijiquan".
Ergänzt wurde dieser Taiji Namen manchmal durch den Namen der
Lehrer z.Bsp. He Jia Zhaobao Taijiquan (He = Familienname des Lehrers
und Jia = Familienbezeichnung) oder Merkmale der Stile z.Bsp. Da Jia
Zhaobao Taijiquan (großer Rahmen).
Die Vertreter des Zhaobao Taijiquan behaupten unter anderem, daß die
Chen Familie ihr Taiji von Jiang Fa aus Zhaobao erlernt hat.
Dies erscheint unglaubwürdig, da die Behauptungen der Zhaobao Vertreter
oft nicht übereinstimmen. Die meisten bestätigen wiederum, daß Chen
Qingping als Taijiquan Lehrer in Zhaobao gelehrt hat.
Huleijia :
Chen Qingping hatte einen für gutes Taijiquan gerühmten Schüler mit dem
Namen Li Jingyan. Die Nachfahren von Li Jingyan bezeichnen diesen Stil
heute auf dem chinesischen Festland als Huleijia (plötzlicher Donner).
Chen Stil in Taiwan
Nach der Ankunft von Chiang Kaishek mit seiner Regierung auf der Insel
Taiwan begann sich ab 1949 das Taiji rasch zu verbreiten.
Mit ihm sind ca. 1 200 000 Chinesen mit Meistern des Taijiquan, sowie der
nördlichen Kampfkünste vom Festland geflohen.
Auf Taiwan wurde das Chen Taijiquan seither durch eine kleine aber
besondere Gruppe von Taiji Meistern weitergegeben.
Ein paar dieser Meister sollten hier genannt werden.
Du Yuzhi (1896-1990)
Sohn von dem Regierungsbeauftragten Du Yomei lernte sein Taijiquan von
Chen Yanxi (16. Generation und Vater von Chen Fake).
Chen Yanxi war als Sicherheitsbeauftragter und Faustkampflehrer bei der
Familie Du angestellt. Als er im fortgeschrittenem Alter seinen Dienst
quittierte übernahm Chen Mingbiao seine Nachfolge.
Meister Du Yuzhi hatte die seltene Gelegenheit sein Wissen von zwei Taiji
Experten der Chen Familie zu erhalten.
Pan Yongzhou (1905-1996)
lernte in Beijing (Peking) mit Chen Fake bevor er nach Taiwan kam.
Hier gründete er eine Taijiquan Organisation und hatte viele Schüler.
Wang Jinran
war Schüler von Chen Yingde aus der Linie Chen Qingping - Li Jingyan -
Yang Hu. Hierbei handelt es sich um den Stil Huleijia (oben beschrieben),
welcher auf Taiwan mit Xiaojia bezeichnet wird.
Quellen:
Copyright und alle Urheberrechte liegen bei:
Dietmar Stubenbaum
88045 Friedrichshafen
Autorenlink: http://www.die-pagode.de
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